"MARIE STUART" VOIN LOUIS NIEDERMEYER IN ZÜRICH

NICHTS WIE HIN!

www.operalounge.de - Samuel Zinsli

Seit dem Jahr 2000 bringt die Oper im Knopfloch Zürich Jahr für Jahr ein Stück vernachlässigten Musiktheaters auf die Bühne, von Barock bis Gegenwart, von Hasse über Hahn zu Heggie, von zwei Vertonungen von The Importance of Being Earnest (Paul Burkhard und Castelnuovo-Tedesco) über Prestami tua moglie von Leoncavallo zu Offenbachs Geneviève de Brabant, Sullivans Zoo und Waltons Bear nach Tschechov, um nur das Feld abzustecken – stets mit mehr Einfallsreichtum und Charme als Platz und Mitteln. 2018 hat diese Pêcheuse de perles unter den freien Opernkompanien der Deutschschweiz sich nichts Geringeres als eine Grand Opéra vorgenommen, die 1844 uraufgeführte Marie Stuart von Louis Niedermeyer (Première am 20.10. 2018). Dem Nichtspezialisten ist der 1802 in Nyon am Genfersee geborene Komponist mit bayerischen Wurzeln, der ab 1825 bis zu seinem Tode 1861 in Paris lebte und wirkte, am ehesten noch ein Begriff als Gründer und Direktor der École Niedermeyer daselbst, zu deren Zöglingen u.a. Saint-Saëns, Fauré und Messager zählen.

Diese Grand Opéra nun also im rund 80 Plätze zählenden Kellertheater Stok in Zürich, vom Publikum für die Atmosphäre, die Steinmauern, Pfeiler und Gewölbe geliebt, von der Regie für die maximal 24 m2 Spielfläche ohne Hinterbühne, dafür mit Publikum auf drei Seiten, gefürchtet. Ohne Chor, ohne Ballett, mit sechs Sängerinnen und Sängern und einem dirigentenlosen Holzbläserquartett – zweifellos ein kühnes Unterfangen, aber im vorliegenden Fall gewusst wie. Angefangen bei dem gelungenen Bläserarrangement von Jiří Slabihoudek, ein Klangkörper, der sich für den aufgrund der Mauern resonanzreichen Raum, wo schon ein Flügel überakustisch werden kann, ausgezeichnet eignet. Ob die Oboe Hornrufe imitiert oder die Flöte mit Flatterzunge Streichertremolos ersetzt – Isabell Weymann (Flöte), Elena Gonzalez (Oboe), Gurgen Kakoyan (Klarinette) und Alessandro Damele (Fagott) sind ein fabelhaft farbenreiches Orchester, von Kateryna Tereshchenko bestens einstudiert, und begleiten die Sänger/-innen mit aller gebotenen Aufmerksamkeit.

Regisseur Yaron David Müller-Zach findet ebenfalls einen überzeugenden Weg, die für eine Ausstattungsschlacht konzipierte Grand Opéra als Kammerspiel in Bild und Szene zu setzen. Fünf Stühle, Herbstlaub auf dem Boden und einige markante Requisiten reichen. Eine Krone (die im Lauf des Abends ebenso oft auf Köpfen wie auf dem Boden zu sehen ist), ein Kranz aus weißen Rosen als ihr Gegenstück (Macht und Liebe…), ein Dolch, je eine Fahne für die drei Spielorte Frankreich, Schottland und England – ach ja, die Oper beginnt mit Marie Stuarts Abschied von Frankreich, von wo sie aufbricht, um Königin von Schottland zu werden. Etwas französische Erde nimmt sie in der gefalteten französischen Lilienfahne mit, wo sie sie zuletzt im englischen Kerker wiederfindet. Weitere Stationen der Handlung: Maries Hochzeit mit Lord Darnley; dessen Verschwörung mit Maries missgünstigem Halbbruder Murray zu Ermordung von Rizzio, dem Sekretär und Liebhaber der Königin; Marie in Hausarrest nach der Ermordung ihres Gatten, wo sie zur Abdankung zu Gunsten Murrays gezwungen wird; schließlich die Begegnung mit Elizabeth I. im englischen Kerker – anders als die Akte davor nun zweifellos von Schiller inspiriert, auch ohne figlia impura di Bolena.

Auch die große Geste verbietet sich in der intimen Theatersituation – sie wird ersetzt durch konzentriertes, psychologisch glaubwürdiges Spiel im eben stets angedeuteten Bühnenbild. Rosina Zoppi, die künstlerische Leiterin der Oper im Knopfloch, vollbringt darin eine großartige Leistung mit sparsamer, aber ausdrucksstarker Gestik und Mimik. Ihre Marie Stuart ist frei von falschem Pathos, glaubwürdig in jeder Lage und hoheitsvoll durch die selbe Schlichtheit, mit der sie z.B. das Adieu von Frankreich auch musikalisch tiefempfunden gestaltet. Bothwell, der sich noch in Frankreich in sie verliebt und bis zur misslingenden Flucht aus der schottischen Haft ihr treu bleibt, ist Raimund Wiederkehr mit geschmeidig geführtem Tenor, dem die Eleganz der lyrischen Nummern ebenso zu Gebote steht wie die Intensität für die heldischen Momente. Mit seinem lebendigen Spiel ist er schon als Verliebter eine interessante Figur; packend in dem Duett, wo er Marie sowohl gestehen muss, dass er bei Rizzios Ermordung mit von der Partie war, als auch Fluchthilfe anbieten will. Im A-capella-Trio der Herren ist er die klangschöne Stütze. Den schmierigen Intriganten Murray portraitiert der Bariton Fabrice Raviola vom ersten Moment an plastisch; in seiner zweiteiligen Arie zeigt er unerwartet differenzierte Aspekte (von Niedermeyer komponiert, von Raviola eindringlich interpretiert): im langsamen Teil Gewissensbisse Marie gegenüber, im schnellen die wütende Gier nach der Krone, durch seine Demütigung als Bastard der Stuarts motiviert. Den andern beiden tiefen Männerpartien – Maries Gatten Darnley und ihrem Widersacher Lord Ruthven – leiht Aram Ohanian seinen kernigen, angemessen dunkleren Bariton. Die Rollen wechselt er z.T. auf offener Bühne per einfachem Jackettwechsel. Bei der Gelegenheit ein Lob an die kleidsamen und die drei Nationalitäten mit Einzelelementen anzeigenden Kostüme von Antonia Stadlin.

Als Page Georges erfreut Nicole Hitz mit höhensicherem und agilem Sopran. Im Duett mit der Königin stellt sie offenbar auch den gleich danach gemeuchelt werdenden Hofmusiker und Favorit Rizzio dar. Ob die Ensemblenummer, die den Mord an Rizzio (und zugleich die Pause) rahmt und auf Auld lang syne beruht, auch originaler Niedermeyer ist, der sich einer schottischen Melodie bedient, entzieht sich meiner Kenntnis.

Erst im letzten Akt tritt Elizabeth I. auf – Stephanie Bühlmann, die zunächst als Figur überraschend jung und unsicher wirkt, bezieht Autorität aus ihrem schön gerundeten Sopran und erlangt in der Auseinandersetzung mit Marie auch szenisch Postur. Die Szene ist kraftvoll komponiert, eine echte Alternative zu Donizettis Version. Überhaupt wirkt Niedermeyers Musik auf mich melodisch inspiriert und voller verschiedener Tonfälle für die Stimmungen von lieblich-idyllisch bis zu dramatischen Konflikten und Racheensembles. Vergleiche fallen mir nach einmaligem Anhören schwer, aber der Rossini des Tell und Auber scheinen mir am nächsten zu sein. Bei einer Spielzeit von rund 2 Stunden (ohne die Pause) ist sicher einiges gestrichen worden (wohl vor allem Chöre, Ballette und andere Massennummern), aber selbst wenn das Gestrichene alles schwächer als das Gehörte sein sollte, würde ich diese inspirierte und bühnenwirksame Komposition sehr gern vollständig an einem großen Haus hören. Bis zum 28. Oktober kann man diese Rarität noch in der gelungenen Fassung der Oper im Knopfloch kennen lernen (www.operimknopfloch.ch) – nichts wie hin! 

 

Grosse Oper im Taschenformat

„Marie Stuart“ von Louis Niedermeyer im Theater Stock,  20. 10. 2018

www.roccosound.ch - Herbert Büttiker

Der Stoff ist bekannt, die grosse Szene der Konfrontation von Maria Stuart und Königin Elisabeth im Park von Fotheringhay nach Schillers Vorgabe auch in der Oper die zentrale Szene. Donizetti platzierte sie in die Mitte der Oper als grosses Finale des ersten Aktes. Die Oper im Knopfloch hat die völlig vergessene Grand Opéra  von Louis Niedermeyer (1802–1861) aus der Versenkung geholt und präsentiert im Kammertheater  eine Version, die den Showdown in den fünften und letzten Akt verlegt – eine spannende Lektion Musikgeschichte und ein hautnahes Opernerlebnis.

Die Oper im Knopfloch präsentiert Louis Niedermeyers «Marie Stuart» 20. Oktober 2018

 

In der Katakombe der Operngeschichte.

Wer hat vom Komponisten Louis Niedermeyer schon mal gehört oder etwas gehört? Die kleine, aber entdeckungs- freudige Kompanie um die Sängerin und Leiterin Rosina Zoppi lädt dazu ein, seiner 1844 in Paris uraufgeführten, musikalisch attraktiven Oper «Marie Stuart» zu begegnen.

Die Tenöre von Caruso bis Pavarotti hatten sein «Pietà Signore» als Para- destück im Repertoire und die Sän- gerinnen «Les Adieux de Marie Stu- art» – aber eigentlich ist es vor allem still um den Komponisten, der als Sohn eines aus Würzburg stammen- den Musiklehrers 1802 in Nyon zur Welt kam, in Genf, Wien und Neapel studierte und sich 1823 in Paris nie- derliess. Mit seinem Opernschaffen konkurrierte er wenig erfolgreich mit Meyerbeer und Halévy.

Die Opéra en 5 actes «Marie Stuart» auf ein Libretto von Théo- dore Anne, die 1844 mit der um- schwärmten Diva Rosine Stoltz in der Titelrolle zur Uraufführung kam, fand zwar Gefallen beim anwesenden Königspaar. Niedermeyer wurde mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausge- zeichnet, aber die Oper blieb nur für zwei Jahre im Repertoire. Nach seiner fünften und letzten Oper «La Fronde» (1853) konzentrierte er sich auf seine anderen Felder, Lied und Kirchenmusik. Er gilt als Vorreiter des französischen Lieds von Duparc bis Debussy, und seine auf die alte Polyphonie ausgerichtete Ecole Nie- dermeyer wurde zur wichtigen Ins- titution. Saint-Saëns, Fauré, Messager zählten zu den Schülern des Instituts, das seinen Gründer – er starb 1861 – um Jahrzehnte überdauerte und seinen Namen hochhielt. Sein Werk hingegen ruht grösstenteils in den Katakomben der Musikgeschichte.

Grand Opéra im Taschenformat

Wer auf den Opernkomponisten und seine «Marie Stuart» neugierig war, und es waren nicht gerade viele, stieg deshalb am Samstag in die Katakom- be. Als solche könnte man das Kellergewölbe des Theaters Stock am Hirschengraben durchaus empfinden, wäre da nicht ein Team am Werk, das es mit Engagement und grossem Können versteht, tote Materie ins musikalische Leben zurückzuholen.

Es mag ja zunächst allzu kühn anmuten, im Kleintheater eine Grand Opéra wieder auferstehen lassen zu wollen, aber darum geht es auch gar nicht. Grosse Chöre, Orchester, Orgel- und Glockenklang, ein So- listenensemble für zwanzig Rollen und dreissig Musikstücke von der Romanze bis zum Septett, fünf Akte und in der Mitte ein grosses Ballett, aufwendig gestaltete Schauplätze, historisches Kostüm – all das, was grosse Oper heisst, ist im Taschen- format nicht zu haben. Aber es bleibt eine Menge, und zumal der Kern, das sozusagen rein Kompositorische und die szenisch-musikalisch verkörperte Figur – und beides bietet die «Oper im Knopfloch» mit beachtlicher Bravour und, schon räumlich bedingt, ganz hautnah. Taschenformat gilt nicht für die Stimmen.

Dramatisches Bläserquartett

Originell ist das musikalische Arrangement von Iiři Slabihoudek, das das Orchester auf ein Bläserquartett überträgt. Mit unermüdlichem Impetus und virtuosem Einsatz gelingt es der Flötistin Isabell Weymann als quasi Konzertmeisterin, Elena Gonzalez (Oboe), Gurgen Kakoyan (Klarinette) und Alessandro Damele (Fagott) eine Atmosphäre von orchestraler Dramatik zu erzeugen, wozu etwa Flatterzunge als Tremoloeffekt gehört. Und wenn sie im fein ausgehorchten Zusammenspiel umgekehrt kammermusikalische Wirkung entfalten, so spricht auch das für die Qualität von Niedermeyers Musik. Fast magisch funktioniert der Kontakt mit den Sängern ohne ver- mittelnden Dirigenten, und wie sich alles im relativ kleinen Raum verbin- det und zur Opernszene kristallisiert, vermittelt dann doch eine Ahnung von Grosser Oper.

Freilich fehlt der Aufführung eine gewisse Anschaulichkeit und erzähle- rische Klarheit der Handlung. Anders als Schiller und dem diesem näher verpflichteten Donizetti, die das Drama um die rivalisierenden Königinnen konzentrieren, durchschreiten Niedermeyers Fünfakter die grosse biografische Spanne der schottischen, für kurze Zeit auch französischen Königin und schliesslich auch auf den englischen Thron spekulierenden Maria Stuart. 26 Jahre vergehen zwischen dem ersten Akt, der im Hafen von Calais spielt, von wo aus Marie Stuart 1561 nach Schottland zurückreist, bis zum fünften Akt, der erst Elisabeth I. ins Spiel bringt, und mit der Konfrontation der Königinnen und der Hinrichtung Maries im Jahr 1587 endet.

Dieser «Roman» ist ohne den Rah- men der Breitleinwand und mit der Kurzfassung des Werks und den be- scheidenen Mitteln nicht zu haben. Der Regisseur Yaron David-Müller- Zach setzt zur Personenführung im engeren Sinn behutsame Zeichen und einige wenige heftige Akzente, im ganzen abgestimmt auf die Möglichkeiten des Raumes, der altes Palastgemäuer und Gefängnisatmosphäre von selbst hergibt. Nur feinere Modellierung von Kostüm und vor allem Maske wären auch im Theaterkeller denkbar (Antonia Stadlin, Marianna Glauser).

Profilierte Figuren

Hervorragend nutzen die je drei Sängerinnen und Sänger für sieben der genannten zwanzig Rollen die heraus- fordernden und dankbaren Aufgaben dazu, sich beziehungsweise ihre Figuren zu profilieren. Nicole Hitz gibt

den Pagen mit kehlfertigem Pepp und anmutigen Vokalisen, Stephan Bühl- mann die Königin Elisabeth mit der gebotenen Attacke ihres schlanken Soprans und Rosina Zoppi, stimm- lich differenziert und melancholisch expressiv, über all die Situationen und Lebensphasen als Figur aber auch etwas gleichförmig die Hauptfigur Maria. Im Duett stachelten sich die beiden Frauen an, und sie führten eindrücklich vor, wie sehr die von Schiller vorgegebene Szene – wie Donizetti zehn Jahre zuvor – auch Niedermeyer zu einem dramatischen Höhepunkt inspirierte.

Trink- und Machtspiele

Zur weiblichen Hauptrolle gehört auch das grösste Bezugspotenzial zu den Männerstimmen. Da ist ihr ewig selbstloser Liebhaber Bothwell, für dessen ungestillte Leidenschaft Rai- mund Wiederkehr so viel tenorale Emotion und Intensität ins Feld führt, dass sie sich am Gewölbe reiben. Den auf ihre Krone lauernden Halbbruders Murray spielt der Bariton Fab- rice Raviola mimisch wie stimmlich stark. Die schillernde Arienszene, in derersich zumBösendurchringt,ist so als Kabinettstück der Partitur ins Rampenlicht gestellt. Als intriganter Mitspieler hat der Bariton Aram Ohanian im Stück zwar keine Soloszene für sich, dafür im Arrangement gleich zwei Rollen, stimmlich mit Noblesse und mimisch süffisant agiert er als Lord Darnley, Maries 2. Gatte, und als Lord Ruthven, Schachfiguren im politischen Spiel der Mächte.

Insgesamt zeigt das Ensemble mit seiner Bühnenpräsenz wie viel Poten- tial in der Musik dieser Oper steckt. Wie sie in ihrer Gesamtkonzeption über die fünf Akte den Bogen spannen könnte, muss als Frage offen bleiben. Wenn es aber die Absicht dieser Produktion ist, auf Qualitäten des Stücks hinzuweisen und ein Ensemble erleben zu lassen, das diese Qualitäten für den Augenblick erfahrbar macht, hat die Produktion ihr Ziel erreicht. Zu sehen ist das durchaus in einem grösseren Rahmen. Das Genre der französischen Grand Opéra findet in jüngster Zeit wieder mehr Beachtung. Der Hinweis auf Niedermeyer passt.

Herbert Büttiker

 

Weitere Aufführungen im Theater Stock, Hirschengraben 42, Zürich: 24., 26., 27. und 28. Oktober, jeweils 20 Uhr, Sonntags 17 Uhr.

Homepage: www.operimknopfloch.ch

Information zum Komponisten Louis Niedermeyer: www.niedermeyer-nyon.ch

THE LITTLE CAFÉ

Sibylle Ehrismann Zürichsee Zeitung 23.10.17

 

Amüsante Café-Geschichten

Die Oper im Knopfloch präsentiert im Zürcher Theater Stok mit „The Little Café“ eine kurzweilige Komödie mit charmanter Musik. Die leichtfüssige Regie von Rosina Zoppi ermöglicht den vier Sängern und Sängerinnen, aus ihren Figuren sympathische Charaktere zu gestalten.

 

„The Little Café“ des belgischen Komponisten Ivan Caryll (1861-1921) stammt aus der Zeit der Belle Epoque und gibt Einblick ins Leben eines kleinen Cafés um 1912. Die einen plagen, die andern lieben sich, und als der Kellner plötzlich ein Vermögen erbt, kehrt sich das Blatt. Mit einer Intrige will der Café-Besitzer an einen Teil dieses Vermögens kommen, was ihm jedoch nicht gelingt. Die Dialoge werden in Deutsch gesprochen, gesungen wird in Englisch.

 

Heiter und melancholisch

Die leichte Muse hat es in sich. Leicht und prickelnd virtuos müssen die Stimmen sein, und um die heiteren Pointen herauszuarbeiten, braucht es viel schauspielerisches Talent. Dies umso mehr, als die Oper im Knopfloch mit szenisch einfachen Mitteln agiert: Mehrere kleine Tische mit Stühlen im Kellertheater signalisieren das Café und ermöglichen den Sängern, einmal hier und einmal dort zu sitzen. Und den Wechsel ins Nobelrestaurant, wo sich der neureiche Kellner mit einer jungen Kokotte amüsiert, wird einzig mit hellen Tischtüchern und Kerzenlicht vollzogen. 

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der arme Kellner Albert, der von der Tochter des Café-Besitzers stets gedemütigt wird und der trotz des grossen Erbes weiter als Kellner arbeitet. Ulrich Amacher macht aus dieser liebenswürdigen Figur einen schlauen, sympathischen Charakter. Nicht nur stimmlich weiss er die verschiedenen Facetten, das Heitere und Melancholische eindrücklich zu gestalten, auch schauspielerisch wirkt er sehr authentisch und amüsiert das Publikum mit raffiniert herausgespielten Pointen. 

Eifersucht und Herrschertum

Natürlich machen ihm die Frauen das Leben schwer. Die junge Sopranistin Nicole Hitz wechselt von der überheblichen Tochter des Café-Besitzers mühelos zur charmanten koketten Frau; die sprechenden Bell-Epoque-Kostüme von Marianna Glauser helfen ihr dabei. Ihr heller, gut geführter und in der Höhe sicher intonierter Sopran hebt sich gut ab von Rosina Zoppis dunklerer Stimme. Zoppi spielt die offizielle Freundin des Kellners und wechselt gekonnt zwischen Eifersucht und Herrschertum, auch dies in herrlich markantem, rotsamtigem Kostüm. Gut in dieses Sängerteam passt auch Fabrice Raviolas agile und charaktervolle Bariton-Stimme, er weiss als Kaffeehausbesitzer gut zwischen Autorität und Hinterlist zu changieren. 

Quirlig-virtuos

All dies gelingt, weil. Der musikalische Leiter Charl de Villiers den ganzen Abend äusserst präsent am Klavier begleitet. Er weiss dabei eingängige Melodien und leicht jazzig angehauchte Rhythmen ebenso sinnfällig auszuspielen wie die quirlig-virtuosen Auftritte schmissig zu begleiten. Geschickt ist der Schachzug, auch ein Saxofon einzusetzen, so wird der operettenhafte Sound der Belle Epoque echt groovig. Jochen Baldes trifft diesen Sound gekonnt. 

Das Publikum ging amüsiert mit, lachte immer mal wieder, der Schlussapplaus war herzlich begeistert. 

 

LA VENDETTA DI MEDEA

Sibylle Ehrismann Zürichsee Zeitung 24.10.16

 

Die Rache der Medea OPER Die neue Produktion der Oper im Knopfloch im Zürcher Kellertheater Stok erzählt das Familiendrama der Medea, die aus Rache oder Verzweiflung ihre Kinder tötet.

 

Im 17. Und 18. Jahrhundert war Medeas Schicksal ein beliebtes Opernsujet. Komponisten wie Cavalli, Lully, Charpentier, Händel und Cherubini haben es vertont. Erst wurde Medea meist als Geliebte Jasons dargestellt, später mehrheitlich als Kindermörderin und Rächerin. Nun hat Rosina Zoppi, die künstlerische Leiterin der Oper im Knopfloch, „La vendetta die Medea“, die recht unbekannte Medea-Oper des Neapolitaners Gaetano Marinelli (1754-1820?), für ihr Theater eingerichtet.

 

 

Im Theater Stok ist es eher eng, die Bühne und die Sänger und Sängerinnen sind einem nah, entsprechend direkt springt einen die Dramatik an. Das Bühnenkonzept von Gero Nievelstein ist schlicht und raffiniert zugleich, mehrere weisse Kuben können beliebig zu einer Mauer aufgestapelt, zu einer Bahre ausgebreitet oder verzweifelt durcheinander geworfen werden. So sind die Sänger-Darsteller immer mal wieder damit beschäftigt, mit wenigen Griffen neue „Räume“ zu schaffen, unterstützt von der subtilen Lichtregie Simonetta Zoppi-Altners.

 

 

Das Blau der Geliebten

 

Einfach, aber sprechend sind auch die Kostüme von Marianna Glauser. Die Sänger und Sängerinnen treten anfangs in ihrer Unterwäsche auf, sie werden zu den Figuren, indem sie deren Kleidung anziehen. Und Jason, der zu Beginn die Brauntöne von Medea trug, wechselt die Kleidung auf Drängen seiner neuen Geliebten Glauce auf der Bühne in ein blaues Hemd mit Hosen.

 

 

Das musikalische Arrangement ist für zwei Oboen, zwei Violinen, Viola und Violoncello geschrieben. Das Ensemble befindet sich hinten im Raum, die Sängerinnen und Sänger agieren seitlich davon auf der Bühne, die Kommunikation ist da nicht einfach. Der musikalischen Leiterin Kateryna Tereshchenko ist es gelungen, die Bühne und das instrumentale Kammerensemble gut aufeinander abzustimmen, und das ohne Dirigent.

 

 

Von der musikalischen Substanz her wirkte der erste Teil eher monochrom, Marinellis dramatische Arien sind nicht besonders fantasievoll. Jan Rusko gab den Jason mit markanter, eher lauter Stimme, Rosina Zoppi spielte die Medea mit guter Bühnenpräsenz und differenziertem sängerischem Ausdruck. Weicher und agiler als Rusko sang Fabrice Raviola den Creonte, die beiden Männer fanden sich im Trauergesang um die ermordete Tochter und Geliebte zu einem ergreifenden Duett.

 

 

Überhaupt hatte der zweite Teil mehr musikalische Farbe und Kraft. Nicole Hitz spielte Glauce, die naive junge Geliebte, mit weicher Gestik und anschmiegsamem, hellem Sopran, zu dem die dramatische Kraft von Stephanie Bühlmann als Furia einen wirkungsvollen Kontrapunkt setzte. Auch wenn eine derartige Hochdramatik in kammermusikalischem Format akustisch heikel ist, zeige das ganze Sängerensemble eine bemerkenswerte Leistung.

 

Theater Stok: Die Oper im Knopfloch ist zwar e

Sibylle Ehrismann Zürichsee Zeitung 24.10.16

 

SHAKESPEARE IM KNOPFLOCH

Sibylle Ehrismann Zürich Oberländer, Zürisee Zeitung, Der Landbote, 16.6.16

 

Wo sich Lady Macbeth und Julia treffen

 

Theater Stok: Die Oper im Knopfloch ist zwar eine kleine Truppe, wagt es aber doch: Zum 400-Jahr-Jubiläum von William Shakespeare bietet sie im Zürcher Theater Stok ein Shakespeare-Programm in fünf Produktionen.

 

Shakespeare, das ist für Rosina Zoppi, die künstlerische Leiterin der Oper im Knopfloch, das A und O der Theaterkunst. Dass sie sich so intensiv mit ihm auseinandersetzt, hat auch persönliche Gründe: „Ich habe Shakespeare schon immer geliebt“, sagt sie. „Mein erstes Shakespeare-Erlebnis hatte ich als Jugendliche bei einer Aufführung von „Henry V“ im Theater 11, da spielte eine englische Truppe. Es hat mich gepackt, das war reinste Musik für mich. Auch während meiner Studienzeit in London habe ich viel Shakespeare gesehen, mittlerweile habe ich alle seine Werke mindestens einmal erlebt.“ So lag es für Zoppi nahe, Shakespeare zum 400-Jahr-Jubiläum auch im intimen Rahmen ihrer Oper im Knopfloch zu feiern.

„Ich wollte von Anfang an ein mehrteiliges Mischprogramm mit gesprochenem und gesungenem Wort zusammenstellen“, sagt Zoppi, „und es sollte witzig sein.“ Nehmen wir zum Beispiel die Produktion „The Juliet Letters“ des Popmusikers Elvis Costello (*1954). Es geht um die „Briefe an Julia in Verona“ (Romeo und Julia), bekannt durch das Buch „Letters to Juliette“ von Lise und Ceil Friedman und durch den US-amerikanischen Kitschfilm von 2010.

Popmusik aus Liebesbriefen

Solche Liebeskummerbriefe können noch heute an den „Club di Giulietta“ geschickt werden, „da gibt es tatsächlich einen Typen, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, diese zu beantworten“, sagt Zoppi und lacht. Elvis Costello hat aus diesen Liebeskummerbriefen Popmuisk für klassisches Streichquartett und Sänger geschrieben. Die Sopranistin Stephanie Bühlmann und der Bariton Dominik Auchli präsentieren diese heute im Theater Stok mit de Galatea-Streichquartett.

Ein anderer Abend gilt den zwei berühmten Frauenfiguren Shakespeares: „Lady Macbeth meets Juliet“. Das sind zwei ganz unterschiedliche Typen, die eine hochdramatisch, die andere naiv und lieblich. Eine Begegnung dieser beiden grossen Shakespeare-Figuren gibt’s nur in der Oper im Knopfloch. Rosina Zoppi (Lady Macbeth) und Stephanie Bühlmann (Juliet) begegnen sich auch im Duett, sie singen, von Denette Whitter am Klavier begleitet, Arien und Duette von Bellini, Bernstein (West Side Story), Bloch oder Gounod.

Den Abschluss macht ein halbszenischer Abend zum Shakespeare-Motto „All the world’s a stage“. Das Sängerensemble singt Quartette, Terzette, Duette und Songs zum berühmten Satz „Die ganze Welt ist eine Bühne“, wobei aber kaum Shakespeare-Texte vorkommen. Es ist ein vitaler Mix, eine lose witzige Verbindung deutscher und englischer Vertonungen von Salieri, Gounod, Cornelius oder aus „Kiss me Kate“.

 

GENEVIÈVE DE BRABANT

Geneviève ist ein einfacher Gartenbesen,

ihr Liebhaber eine Bürste am Stiel

 

Sibylle Ehrismann Zürichsee Zeitung 20.10.15

 

Theater Stok: Jacques Offenbachs Opéra bouffe "Geneviève de Brabant" ist nicht nur ein schmissiges Stück Musik, die Oper im Knopfloch hat es auch witzig für Kleinbesetzung adaptiert. An der Premiere hat sich das Publikum köstlich amüsiert.

 

Offenbach selber scheint sich schwergetan zu haben mit seiner Vertonung der mittelalterlichen Sage von Genoveva von Brabant. Es gibt davon vier Originalfassungen, diejenige von 1859 führt im Rollenverzeichnis 72 (!) Figuren an. Dazu ein üppig besetztes Orchester und einen grossen Chor. Dies ist jedoch kein Hinderungsgrund für Rosina Zoppi, die künstlerische Letierin der Oper im Knopfloch, dieses Stück für ihr Kleintheater zurechtzuscheneidern: aus 72 wurden 15, aus einem Orchester Akkordeon und Kontrabass, und anstelle von Dutzenden von Ensmblemitgliedern singen und spielen nur gerade eine Darstellerin und zwei Darsteller.

 

Französischer Gesang und deutsche Dialoge

Einer davon ist der Schauspieler Matthias Flückiger, der für diese Produktion nicht nur eine neue deutsche Textfassung geschrieben hat, sondern auch Regie führte. Ihm sind witzige Dialoge gelungen, die Offenbachs Esprit atmen und aktuell sind: mit Anspielungen auf die Flücktlingsproblematik  und andere gesellschaftspolitische Probleme. Offenbach hat in seinen "Offenbachiaden" den dekadenten Adel seiner Zeit kritisch und amüsant demontiert, auch seine Grundidee kommt in dieser Produktion durch das Miteinander von französischem Gesang und deutschen Dialogen gut zur Geltung. Hauptdarsteller der 24 Rollen sind Besen. Sie sind bunt und in der Machart deutlich verschieden, überraschenderweise erkennt man sie bald schon gut als diese oder jene Figur. Sie werden von der dreiköpfigen Putzmannschaft, die in der Pause in der Zeitung die Story von der verbannten Geneviève de Brabant liest, wechselweise "gespielt": Der Herzog ist ein grosser Besen mit grünen Borsten, sein Widersacher Golo hat rote Borsten, die Herzogin Geneviève ist ein einfacher Gartenbesen, ihr geheimer Liebhaber eine braune Bürste am Besenstiel, und der Fürst, der mit dem Herzog in den Pseudokrieg zieht, ist der langstieligste und hat braune Stoppeln.

 

Mit Sinn für Pointen und heitere Animositäten

Es ist eine enorme sängerdarstellerische Herausforderung für Rosina Zoppi, Ueli Amacher und Matthias Flückiger, sich ständig den richtigen Besen zu schnappen und ihn entsprechend seiner "Figur" singend oder sprechend zum Leben zu erwecken. Das gelingt ihnen heiter und spielerisch, Offenbachs Drive kommt dabei gut durch. Der Tenor Ueli Amacher ist ein versierter Sängerdarsteller, er schlüpft agil in die verschiedenen Rollen und singt mit viel Sinn für Pointen und heitere Animositäten. Die Mezzosopranistin Rosina Zoppi spielt mit grosser Bühnenpräsenz auf und weiss Offenbachs anspruchsvolle und pfiffige Musik mit dramatischer Verve zu singen.

Auch der Schauspieler-Regisseur Matthias Flückiger spielt und spricht mit viel Temperament, singt aber etwas gepresst. Die Musikalische Leitung hat die Akkordeonistin Yolanda Schibli Zimmermann inne, sie sorgt zusammen mit Jojo Kunz am Kontrabass für eleganten Schwung und heiteren Drive. Begeisterter Applaus für alle Beteiligten.

 

L'IMPORTANZA DI ESSER FRANCO

Oper im Knopfloch
Coolness und Italianità

Jürg Huber NZZ 20.10.2014

 

Ist dies nun der Traumschwiegersohn? Lady Bracknell meint entschieden: Nein! Laut ist er, kaut Kaugummi und drückt die Zigarette in der Teetasse aus. Und da wäre noch die Sache mit dem Namen. Jacks Auserwählte Gwendolen steht auf das Pseudonym Ernest, mit dem er jeweils Ferien vom Landleben nimmt und London unsicher macht. Ja, wir sind bei Oscar Wildes Welterfolg «The Importance of Being Earnest» oder «Bunbury», wie das Stück in der deutschen Fassung meist genannt wird. Aber Ernest ist zu Franco geworden, denn erstens wird gesungen – und das klingt bekanntlich am besten auf Italienisch –, und zweitens ist Mario Castelnuovo-Tedesco der Komponist. Aus dem faschistischen Italien emigriert, hat er sich in Kalifornien niedergelassen und dort 1961/62 eine zweisprachige Wilde-Adaption für die Opernbühne geschrieben. Trägt schon die Komödie reichlich absurde Züge, sind diese in der italienischsprachigen Opernversion noch gesteigert.

 

Das beginnt im Musikalischen, denn Castelnuovo-Tedesco ist ein Komponist, der seine Musikgeschichte kennt. Zu jeder Situation kann er aus dem reichen Zitatenfundus schöpfen, sei's Hummelflug oder Walkürenritt, Hochzeits- oder Trauermarsch. Bei ihm verbrüdern sich, gehörig imprägniert durch die amerikanische Unterhaltungsmusik, deutsche Romantik und italienischer Belcanto. Im Theater Stok sorgt der musikalische Leiter Charl de Villiers zusammen mit seiner Klavierpartnerin Claire Pasquier und dem Schlagzeuger Mario von Holten dafür, dass der Instrumentalpart entsprechend spritzig über die Rampe kommt.

 

Für die jüngste Produktion der Oper im Knopfloch hat Rosina Zoppi ein junges Ensemble mit prächtigen Stimmen um sich geschart. Ján Ruskos sehr italienischer Algernon, Pascal Martis vorlauter Jack, Stephanie Bühlmanns elegante Gwendolen, Christa Fleischmanns köstliche Cecily, Catherine Freys offenherzige Miss Prism und Chasper-Curò Manis schillernder Reverend Chasuble geben in Claudia Blerschs präziser Regie dem aberwitzigen Spiel manche Pointe. Obwohl es an Insignien des British Empire nicht mangelt (Ausstattung Giulio Bernardi), nimmt die Italianità überhand, was zu entsprechenden Turbulenzen führt. Sind die kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede anfänglich scharf gezeichnet, so verbündet sich die liebestolle Jungmannschaft alsbald mit dem ältlichen Paar, bis der bizarre Showdown den Weg frei macht für ein umfassendes Happy End, dem nur Rosina Zoppis stramme Lady Bracknell verständnislos gegenübersteht.

THREE DECEMBERS

Starkes Trio, gut gemixt

ZÜRICH. «Three Decembers»: Die neue Produktion der Oper im Knoploch im Zürcher Theater Stok ist überaus amerikanisch und überzeugt. Am Samstag war Premiere.


SIBYLLE EHRISMANN © Der Landbote, 21. Oktober 2013


Mit der Kammeroper «Three Decembers» (2008), einer jazzig angehauchten Familien-Soap von Jake Heggie, wagt die «Oper im Knoploch» eine ungewohnt grosse Besetzung. Elf Instrumentalisten – an zwei Klavieren, Perkussion, Streich- und Holzblasinstrumenten – begleiten die drei Sänger(innen). Der kleine Gewölbekeller des Zürcher Theaters Stok kam dadurch an seine akustischen Grenzen. Dennoch gefiel diese europäische Erstaufführung gut. Amerikanisch ist nicht nur die Musik: ein gelungener Mix aus Jazz, Avantgarde und softem Sound. Auch die Geschichte ist es. Sie handelt von einer berühmten Schauspielerin, die gar Ambitionen auf den Tony Award hat, und ihren beiden Kindern. Sohn Charlie ist homosexuell, sein Lebenspartner Burt stirbt an Aids, und die Mutter interessiert es einfach nicht. Die Tochter Beatrice, selber zweifache Mutter, ist in einer unbefriedigenden Ehe gefangen und trinkt zu viel. Ihren Vater kennen sie kaum, laut der Mutter ist er von einem Auto überfahren worden. Zu Weihnachten 1986 schickt die Mutter ihren Kindern wie üblich einen oberflächlichen Weihnachtsbrief. Dessen Inhalt diskutieren die beiden per Telefon. Und die Mutter, eine mit üppigen Kleidern aufgedonnerte Primadonna, sitzt in einem Stuhl und schreibt den Brief – sie alle sind weit voneinander entfernt.

Flexibel und ideenreich
Die Bühne besteht aus einem weissen Bodenkorpus, der mit weissen Packkartons erweitert wird: so hat man stets Angst, eine der drei Sänger(innen) könnte einen Fehltritt machen und in ein «Weihnachtspaket» abstürzen. Eine gute Regieidee von Matthias Flückiger. Aus diesen Kartons werden auch flugs die Kostüme gewechselt. Bernhard Duss hat zudem für alle drei Figuren «sprechende», typisch amerikanische Kostüme entworfen: Die Tochter tritt in biederem schwarzem Kostüm samt Perlenkette auf, der Sohn wird nicht überzeichnet in seinem Schwulsein, sondern mimt den schlichten Good-Boy. Insgesamt werden drei Weihnachten gefeiert: 1986 – 1996 – 2006. An diesen Weihnachtstreffen werden Abgründe offenbar, welche die Musik kraftvoll und schräg darstellt. Unter der Leitung von Charl de Villiers wirkte das Instrumentalensemble kompakt und ausdrucksstark,  rhythmisch flexibel und stets passend im «Sound».

Souverän, mit Zwischentönen
Jeannine Hirzel singt den schwierigen Part von Tochter Beatrice mit souveräner Stimmführung und schauspielerischen Zwischentönen; ihr angesäuseltes Torkeln in der «Szene 2006» mimt sie ausgezeichnet, auch die Verzweiflung, als sie von der Mutter nebenbei erfährt, dass ihr Vater ein versoffener Schauspieler war und sich das Leben nahm. Sohn Charlie gibt Nikolaus Kost mit gut tragender und farbenreicher Stimme, ein sympathischer Junge mit Tiefgang. Die vielschichtige Rolle der nur um ihren Erfolg bekümmerten «Mutter» wird von Rosina Zoppi gesungen, welche auch die künstlerische Gesamtleitung hat. Sie weiss die kühle Unnahbarkeit, die Sucht nach Beifall, die gespielten «Muttergefühle» mit starker Bühnenpräsenz und stimmlichem Raffinement rüberzubringen. Die drei zusammen ergeben ein Familientrio, das sich aus der Banalität in ein echtes Drama steigert – das Publikum liess sich darauf ein und spendete herzhaften Applaus.

THE BEAR

Sibylle Ehrismann © Der Landbote

Der britische Komponist William Walton (1902–1983) hat es eine «Extra-vaganza» genannt: Seine einaktige Oper «The bear» ist ein komödian-tisches Schauspiel nach Anton Tschechow. Die Premiere am Mittwoch war schlicht köstlich.

 

William Walton war einer der führenden britischen Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er trug in neoromantischer Manier klanglich ordentlich dick auf, schrieb seine Musik für grosse Orchester, und das besonders erfolgreich für epische Filme.

   Wie keck und humorvoll seine Ideen jedoch sind, offenbarte diese stark reduzierte Kammerfassung von «The bear» für Klavier (Charl de Villiers), Klarinetten (Christian Ledermann), Violoncello (Avraam Donoukaras) und Perkussion (Mario Von Holten) mit eindrücklicher Verve. Produziert wurde der Einakter von der «Oper im Knopfloch» unter der künstlerischen Leitung von Rosina Zoppi in einer eigens für sie eingerichteten Kammerfassung.

   Die Geschichte dreht sich um die Witwe Popova, die sich nach dem Tod ihres Ehemannes, der sie übrigens nach Strich und Faden betrogen hatte, ganz zurückgezogen hat, um nur noch zu trauern. Ihr Butler Luka (von Andreas Pister rührend gespielt) versucht vergeblich, sie zum Ausgehen zu bewegen. Da taucht Smirnov auf, ein Bauer, bei dem der Verstorbene noch beträchtliche Schulden hatte. Er braucht sein Geld ganz dringend, um die Pacht zu bezahlen, doch sie ziert sich zunächst. Die beiden zanken sich, wollen sich gar duellieren, doch zum Schluss sind sie

ineinander verliebt.

   In der einfachen, aber atmosphärenreichen Bühnendekoration mit Paravent, Sofa und Unterwäsche-Schickimicki (Bühne Simone Baumberger, Kostüme Kathrin Baumberger) spielt Rosina Zoppi als Popova grossartig auf. Sie gibt die Dame von Welt nicht nur mit starker BühnenpraÅNsenz (Regie Matthias Flückiger), sondern singt diese «scheinheilige» Figur auch mit beeindruckendem dramatischem Temperament und virtuoser Stimmführung.

 

Locker ausgespielte Pointen

Der Streit zwischen Popova und dem Bauern Smirnov wird in diesem Stück auch musikalisch als köstliche Zankerei ausgekostet. Michael Raschle gibt einen rauen, ungepflegten Bauern, der sich mit sympathischem Selbstbewusstsein einfach nicht abwimmeln lässt. Im schlagfertigen Dialog mit Popova

wird deren «Scheinheiligkeit» brutal demontiert. Raschle singt die heikle Bariton-Partie stimmgewaltig und doch agil. Dass das alles so leichtfüssig gelang, ist auch das Verdienst der vier Instrumentalisten,

die unter der Leitung von Pianist Charl de Villiers die rhythmisch anspruchsvollen Pointen locker auszuspielen vermochten.

MACBETH

Tanja Holzer © Zürichsee Zeitung 8. November 2010


Die Oper im Knopfloch zeigte am Freitagabend auf der Bühne Fasson in Lachen eine ergreifende Vorstellung nach Shakespeares "Macbeth".


Mit blutverschmierter, weisser Kleidung betritt der siegreiche Held Macbeth (Robert Braunschweig) die Bühne Fasson. Die Schlacht ist gewonnen, die norwegischen Eindringlinge sind vertrieben. Im schummrigen Licht wechseln die Pianoklänge von Andrew Dunscombe vom Dramatischen ins Huldvolle. Im Wald erscheinen Macbeth drei Hexen, die ihm den Thron prophezeien. Den Thron? Nur der Mord an König Ducan (Jean-Pierre Gerber) würde diese Macht ermöglichen. Mutig und stark und doch von Schaudern getrieben, kehrt Macbeth nach Hause zurück zu seiner machtgierigen Frau. Duncan verkündet am Siegesfest, sein zukuünftiger Schwiegersohn Douglas (Pawel Grzegorz Stach) werde Thronfolger. Der König und Freund Ducan nächtigen unter Macbeths Dach, und damit scheint sein Los entschieden zu sein. Lady Macbeth (Rosina Zoppi) wetzt die Messer, mixt den Schlummertrunk und stachelt ihren Mann intensiv an. Königstochter Moina (Stephanie Bühlmann) und Douglas werden in der Nacht von unruhigen Vorahnungen getrieben und geniessen doch den Liebestaumel, während König Macbeth blutigem Machthunger zum Opfer fällt.

Raffiniertes Arrangement

Die Oper im Knopfloch ist es gewohnt, vor meist sehr gut gefüllten Zuschauerrängen zu spielen. Das eher spärlich aufmarschierte Publikum in Lachen zollte der hervorragenden Leistung der Künstler dafür mit unglaublich begeistertem, tosendem Applaus seine Wertschätzung. Die Aufführung war mit nur fünf Darstellern und dem Piano als einzigem Instrument stark komprimiert, was aber den qualitativ hochstehenden Gesang umso mehr betonte. Die Requisiten waren reduziert und untermalten zusammen mit den Kostümen raffiniert die Handlung.

Auf unbekannte Opern spezialisiert

Das Ensemble Die Oper im Knopfloch hat sich spezialisiert, unbekannte Opern auf kleinstem Raum und mit viel Publikumsnähe aufzuführen. Die heroische Oper nach Shakespeare war nicht jene von Giuseppe Verdi in vier Akten, sondern diejenige in drei Akten von André Hippolyte Jean Baptiste Chelard.