LA VENDETTA DI MEDEA

Sibylle Ehrismann Zürichsee Zeitung 24.10.16

 

Die Rache der MedeaOPER Die neue Produktion der Oper im Knopfloch im Zürcher Kellertheater Stok erzählt das Familiendrama der Medea, die aus Rache oder Verzweiflung ihre Kinder tötet.

 

Im 17. Und 18. Jahrhundert war Medeas Schicksal ein beliebtes Opernsujet. Komponisten wie Cavalli, Lully, Charpentier, Händel und Cherubini haben es vertont. Erst wurde Medea meist als Geliebte Jasons dargestellt, später mehrheitlich als Kindermörderin und Rächerin. Nun hat Rosina Zoppi, die künstlerische Leiterin der Oper im Knopfloch, „La vendetta die Medea“, die recht unbekannte Medea-Oper des Neapolitaners Gaetano Marinelli (1754-1820?), für ihr Theater eingerichtet.

 

 

Im Theater Stok ist es eher eng, die Bühne und die Sänger und Sängerinnen sind einem nah, entsprechend direkt springt einen die Dramatik an. Das Bühnenkonzept von Gero Nievelstein ist schlicht und raffiniert zugleich, mehrere weisse Kuben können beliebig zu einer Mauer aufgestapelt, zu einer Bahre ausgebreitet oder verzweifelt durcheinander geworfen werden. So sind die Sänger-Darsteller immer mal wieder damit beschäftigt, mit wenigen Griffen neue „Räume“ zu schaffen, unterstützt von der subtilen Lichtregie Simonetta Zoppi-Altners.

 

 

Das Blau der Geliebten

 

Einfach, aber sprechend sind auch die Kostüme von Marianna Glauser. Die Sänger und Sängerinnen treten anfangs in ihrer Unterwäsche auf, sie werden zu den Figuren, indem sie deren Kleidung anziehen. Und Jason, der zu Beginn die Brauntöne von Medea trug, wechselt die Kleidung auf Drängen seiner neuen Geliebten Glauce auf der Bühne in ein blaues Hemd mit Hosen.

 

 

Das musikalische Arrangement ist für zwei Oboen, zwei Violinen, Viola und Violoncello geschrieben. Das Ensemble befindet sich hinten im Raum, die Sängerinnen und Sänger agieren seitlich davon auf der Bühne, die Kommunikation ist da nicht einfach. Der musikalischen Leiterin Kateryna Tereshchenko ist es gelungen, die Bühne und das instrumentale Kammerensemble gut aufeinander abzustimmen, und das ohne Dirigent.

 

 

Von der musikalischen Substanz her wirkte der erste Teil eher monochrom, Marinellis dramatische Arien sind nicht besonders fantasievoll. Jan Rusko gab den Jason mit markanter, eher lauter Stimme, Rosina Zoppi spielte die Medea mit guter Bühnenpräsenz und differenziertem sängerischem Ausdruck. Weicher und agiler als Rusko sang Fabrice Raviola den Creonte, die beiden Männer fanden sich im Trauergesang um die ermordete Tochter und Geliebte zu einem ergreifenden Duett.

 

 

Überhaupt hatte der zweite Teil mehr musikalische Farbe und Kraft. Nicole Hitz spielte Glauce, die naive junge Geliebte, mit weicher Gestik und anschmiegsamem, hellem Sopran, zu dem die dramatische Kraft von Stephanie Bühlmann als Furia einen wirkungsvollen Kontrapunkt setzte. Auch wenn eine derartige Hochdramatik in kammermusikalischem Format akustisch heikel ist, zeige das ganze Sängerensemble eine bemerkenswerte Leistung.

 

Theater Stok: Die Oper im Knopfloch ist zwar e

Sibylle Ehrismann Zürichsee Zeitung 24.10.16

 

SHAKESPEARE IM KNOPFLOCH

Sibylle Ehrismann Zürich Oberländer, Zürisee Zeitung, Der Landbote, 16.6.16

 

Wo sich Lady Macbeth und Julia treffen

 

Theater Stok: Die Oper im Knopfloch ist zwar eine kleine Truppe, wagt es aber doch: Zum 400-Jahr-Jubiläum von William Shakespeare bietet sie im Zürcher Theater Stok ein Shakespeare-Programm in fünf Produktionen.

 

Shakespeare, das ist für Rosina Zoppi, die künstlerische Leiterin der Oper im Knopfloch, das A und O der Theaterkunst. Dass sie sich so intensiv mit ihm auseinandersetzt, hat auch persönliche Gründe: „Ich habe Shakespeare schon immer geliebt“, sagt sie. „Mein erstes Shakespeare-Erlebnis hatte ich als Jugendliche bei einer Aufführung von „Henry V“ im Theater 11, da spielte eine englische Truppe. Es hat mich gepackt, das war reinste Musik für mich. Auch während meiner Studienzeit in London habe ich viel Shakespeare gesehen, mittlerweile habe ich alle seine Werke mindestens einmal erlebt.“ So lag es für Zoppi nahe, Shakespeare zum 400-Jahr-Jubiläum auch im intimen Rahmen ihrer Oper im Knopfloch zu feiern.

„Ich wollte von Anfang an ein mehrteiliges Mischprogramm mit gesprochenem und gesungenem Wort zusammenstellen“, sagt Zoppi, „und es sollte witzig sein.“ Nehmen wir zum Beispiel die Produktion „The Juliet Letters“ des Popmusikers Elvis Costello (*1954). Es geht um die „Briefe an Julia in Verona“ (Romeo und Julia), bekannt durch das Buch „Letters to Juliette“ von Lise und Ceil Friedman und durch den US-amerikanischen Kitschfilm von 2010.

Popmusik aus Liebesbriefen

Solche Liebeskummerbriefe können noch heute an den „Club di Giulietta“ geschickt werden, „da gibt es tatsächlich einen Typen, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, diese zu beantworten“, sagt Zoppi und lacht. Elvis Costello hat aus diesen Liebeskummerbriefen Popmuisk für klassisches Streichquartett und Sänger geschrieben. Die Sopranistin Stephanie Bühlmann und der Bariton Dominik Auchli präsentieren diese heute im Theater Stok mit de Galatea-Streichquartett.

Ein anderer Abend gilt den zwei berühmten Frauenfiguren Shakespeares: „Lady Macbeth meets Juliet“. Das sind zwei ganz unterschiedliche Typen, die eine hochdramatisch, die andere naiv und lieblich. Eine Begegnung dieser beiden grossen Shakespeare-Figuren gibt’s nur in der Oper im Knopfloch. Rosina Zoppi (Lady Macbeth) und Stephanie Bühlmann (Juliet) begegnen sich auch im Duett, sie singen, von Denette Whitter am Klavier begleitet, Arien und Duette von Bellini, Bernstein (West Side Story), Bloch oder Gounod.

Den Abschluss macht ein halbszenischer Abend zum Shakespeare-Motto „All the world’s a stage“. Das Sängerensemble singt Quartette, Terzette, Duette und Songs zum berühmten Satz „Die ganze Welt ist eine Bühne“, wobei aber kaum Shakespeare-Texte vorkommen. Es ist ein vitaler Mix, eine lose witzige Verbindung deutscher und englischer Vertonungen von Salieri, Gounod, Cornelius oder aus „Kiss me Kate“.

 

GENEVIÈVE DE BRABANT

Geneviève ist ein einfacher Gartenbesen,

ihr Liebhaber eine Bürste am Stiel

 

Sibylle Ehrismann Zürichsee Zeitung 20.10.15

 

Theater Stok: Jacques Offenbachs Opéra bouffe "Geneviève de Brabant" ist nicht nur ein schmissiges Stück Musik, die Oper im Knopfloch hat es auch witzig für Kleinbesetzung adaptiert. An der Premiere hat sich das Publikum köstlich amüsiert.

 

Offenbach selber scheint sich schwergetan zu haben mit seiner Vertonung der mittelalterlichen Sage von Genoveva von Brabant. Es gibt davon vier Originalfassungen, diejenige von 1859 führt im Rollenverzeichnis 72 (!) Figuren an. Dazu ein üppig besetztes Orchester und einen grossen Chor. Dies ist jedoch kein Hinderungsgrund für Rosina Zoppi, die künstlerische Letierin der Oper im Knopfloch, dieses Stück für ihr Kleintheater zurechtzuscheneidern: aus 72 wurden 15, aus einem Orchester Akkordeon und Kontrabass, und anstelle von Dutzenden von Ensmblemitgliedern singen und spielen nur gerade eine Darstellerin und zwei Darsteller.

 

Französischer Gesang und deutsche Dialoge

Einer davon ist der Schauspieler Matthias Flückiger, der für diese Produktion nicht nur eine neue deutsche Textfassung geschrieben hat, sondern auch Regie führte. Ihm sind witzige Dialoge gelungen, die Offenbachs Esprit atmen und aktuell sind: mit Anspielungen auf die Flücktlingsproblematik  und andere gesellschaftspolitische Probleme. Offenbach hat in seinen "Offenbachiaden" den dekadenten Adel seiner Zeit kritisch und amüsant demontiert, auch seine Grundidee kommt in dieser Produktion durch das Miteinander von französischem Gesang und deutschen Dialogen gut zur Geltung. Hauptdarsteller der 24 Rollen sind Besen. Sie sind bunt und in der Machart deutlich verschieden, überraschenderweise erkennt man sie bald schon gut als diese oder jene Figur. Sie werden von der dreiköpfigen Putzmannschaft, die in der Pause in der Zeitung die Story von der verbannten Geneviève de Brabant liest, wechselweise "gespielt": Der Herzog ist ein grosser Besen mit grünen Borsten, sein Widersacher Golo hat rote Borsten, die Herzogin Geneviève ist ein einfacher Gartenbesen, ihr geheimer Liebhaber eine braune Bürste am Besenstiel, und der Fürst, der mit dem Herzog in den Pseudokrieg zieht, ist der langstieligste und hat braune Stoppeln.

 

Mit Sinn für Pointen und heitere Animositäten

Es ist eine enorme sängerdarstellerische Herausforderung für Rosina Zoppi, Ueli Amacher und Matthias Flückiger, sich ständig den richtigen Besen zu schnappen und ihn entsprechend seiner "Figur" singend oder sprechend zum Leben zu erwecken. Das gelingt ihnen heiter und spielerisch, Offenbachs Drive kommt dabei gut durch. Der Tenor Ueli Amacher ist ein versierter Sängerdarsteller, er schlüpft agil in die verschiedenen Rollen und singt mit viel Sinn für Pointen und heitere Animositäten. Die Mezzosopranistin Rosina Zoppi spielt mit grosser Bühnenpräsenz auf und weiss Offenbachs anspruchsvolle und pfiffige Musik mit dramatischer Verve zu singen.

Auch der Schauspieler-Regisseur Matthias Flückiger spielt und spricht mit viel Temperament, singt aber etwas gepresst. Die Musikalische Leitung hat die Akkordeonistin Yolanda Schibli Zimmermann inne, sie sorgt zusammen mit Jojo Kunz am Kontrabass für eleganten Schwung und heiteren Drive. Begeisterter Applaus für alle Beteiligten.

 

L'IMPORTANZA DI ESSER FRANCO

Oper im Knopfloch
Coolness und Italianità

Jürg Huber NZZ 20.10.2014

 

Ist dies nun der Traumschwiegersohn? Lady Bracknell meint entschieden: Nein! Laut ist er, kaut Kaugummi und drückt die Zigarette in der Teetasse aus. Und da wäre noch die Sache mit dem Namen. Jacks Auserwählte Gwendolen steht auf das Pseudonym Ernest, mit dem er jeweils Ferien vom Landleben nimmt und London unsicher macht. Ja, wir sind bei Oscar Wildes Welterfolg «The Importance of Being Earnest» oder «Bunbury», wie das Stück in der deutschen Fassung meist genannt wird. Aber Ernest ist zu Franco geworden, denn erstens wird gesungen – und das klingt bekanntlich am besten auf Italienisch –, und zweitens ist Mario Castelnuovo-Tedesco der Komponist. Aus dem faschistischen Italien emigriert, hat er sich in Kalifornien niedergelassen und dort 1961/62 eine zweisprachige Wilde-Adaption für die Opernbühne geschrieben. Trägt schon die Komödie reichlich absurde Züge, sind diese in der italienischsprachigen Opernversion noch gesteigert.

 

Das beginnt im Musikalischen, denn Castelnuovo-Tedesco ist ein Komponist, der seine Musikgeschichte kennt. Zu jeder Situation kann er aus dem reichen Zitatenfundus schöpfen, sei's Hummelflug oder Walkürenritt, Hochzeits- oder Trauermarsch. Bei ihm verbrüdern sich, gehörig imprägniert durch die amerikanische Unterhaltungsmusik, deutsche Romantik und italienischer Belcanto. Im Theater Stok sorgt der musikalische Leiter Charl de Villiers zusammen mit seiner Klavierpartnerin Claire Pasquier und dem Schlagzeuger Mario von Holten dafür, dass der Instrumentalpart entsprechend spritzig über die Rampe kommt.

 

Für die jüngste Produktion der Oper im Knopfloch hat Rosina Zoppi ein junges Ensemble mit prächtigen Stimmen um sich geschart. Ján Ruskos sehr italienischer Algernon, Pascal Martis vorlauter Jack, Stephanie Bühlmanns elegante Gwendolen, Christa Fleischmanns köstliche Cecily, Catherine Freys offenherzige Miss Prism und Chasper-Curò Manis schillernder Reverend Chasuble geben in Claudia Blerschs präziser Regie dem aberwitzigen Spiel manche Pointe. Obwohl es an Insignien des British Empire nicht mangelt (Ausstattung Giulio Bernardi), nimmt die Italianità überhand, was zu entsprechenden Turbulenzen führt. Sind die kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede anfänglich scharf gezeichnet, so verbündet sich die liebestolle Jungmannschaft alsbald mit dem ältlichen Paar, bis der bizarre Showdown den Weg frei macht für ein umfassendes Happy End, dem nur Rosina Zoppis stramme Lady Bracknell verständnislos gegenübersteht.

THREE DECEMBERS

Starkes Trio, gut gemixt

ZÜRICH. «Three Decembers»: Die neue Produktion der Oper im Knoploch im Zürcher Theater Stok ist überaus amerikanisch und überzeugt. Am Samstag war Premiere.


SIBYLLE EHRISMANN © Der Landbote, 21. Oktober 2013


Mit der Kammeroper «Three Decembers» (2008), einer jazzig angehauchten Familien-Soap von Jake Heggie, wagt die «Oper im Knoploch» eine ungewohnt grosse Besetzung. Elf Instrumentalisten – an zwei Klavieren, Perkussion, Streich- und Holzblasinstrumenten – begleiten die drei Sänger(innen). Der kleine Gewölbekeller des Zürcher Theaters Stok kam dadurch an seine akustischen Grenzen. Dennoch gefiel diese europäische Erstaufführung gut. Amerikanisch ist nicht nur die Musik: ein gelungener Mix aus Jazz, Avantgarde und softem Sound. Auch die Geschichte ist es. Sie handelt von einer berühmten Schauspielerin, die gar Ambitionen auf den Tony Award hat, und ihren beiden Kindern. Sohn Charlie ist homosexuell, sein Lebenspartner Burt stirbt an Aids, und die Mutter interessiert es einfach nicht. Die Tochter Beatrice, selber zweifache Mutter, ist in einer unbefriedigenden Ehe gefangen und trinkt zu viel. Ihren Vater kennen sie kaum, laut der Mutter ist er von einem Auto überfahren worden. Zu Weihnachten 1986 schickt die Mutter ihren Kindern wie üblich einen oberflächlichen Weihnachtsbrief. Dessen Inhalt diskutieren die beiden per Telefon. Und die Mutter, eine mit üppigen Kleidern aufgedonnerte Primadonna, sitzt in einem Stuhl und schreibt den Brief – sie alle sind weit voneinander entfernt.

Flexibel und ideenreich
Die Bühne besteht aus einem weissen Bodenkorpus, der mit weissen Packkartons erweitert wird: so hat man stets Angst, eine der drei Sänger(innen) könnte einen Fehltritt machen und in ein «Weihnachtspaket» abstürzen. Eine gute Regieidee von Matthias Flückiger. Aus diesen Kartons werden auch flugs die Kostüme gewechselt. Bernhard Duss hat zudem für alle drei Figuren «sprechende», typisch amerikanische Kostüme entworfen: Die Tochter tritt in biederem schwarzem Kostüm samt Perlenkette auf, der Sohn wird nicht überzeichnet in seinem Schwulsein, sondern mimt den schlichten Good-Boy. Insgesamt werden drei Weihnachten gefeiert: 1986 – 1996 – 2006. An diesen Weihnachtstreffen werden Abgründe offenbar, welche die Musik kraftvoll und schräg darstellt. Unter der Leitung von Charl de Villiers wirkte das Instrumentalensemble kompakt und ausdrucksstark,  rhythmisch flexibel und stets passend im «Sound».

Souverän, mit Zwischentönen
Jeannine Hirzel singt den schwierigen Part von Tochter Beatrice mit souveräner Stimmführung und schauspielerischen Zwischentönen; ihr angesäuseltes Torkeln in der «Szene 2006» mimt sie ausgezeichnet, auch die Verzweiflung, als sie von der Mutter nebenbei erfährt, dass ihr Vater ein versoffener Schauspieler war und sich das Leben nahm. Sohn Charlie gibt Nikolaus Kost mit gut tragender und farbenreicher Stimme, ein sympathischer Junge mit Tiefgang. Die vielschichtige Rolle der nur um ihren Erfolg bekümmerten «Mutter» wird von Rosina Zoppi gesungen, welche auch die künstlerische Gesamtleitung hat. Sie weiss die kühle Unnahbarkeit, die Sucht nach Beifall, die gespielten «Muttergefühle» mit starker Bühnenpräsenz und stimmlichem Raffinement rüberzubringen. Die drei zusammen ergeben ein Familientrio, das sich aus der Banalität in ein echtes Drama steigert – das Publikum liess sich darauf ein und spendete herzhaften Applaus.

THE BEAR

Sibylle Ehrismann © Der Landbote

Der britische Komponist William Walton (1902–1983) hat es eine «Extra-vaganza» genannt: Seine einaktige Oper «The bear» ist ein komödian-tisches Schauspiel nach Anton Tschechow. Die Premiere am Mittwoch war schlicht köstlich.

 

William Walton war einer der führenden britischen Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er trug in neoromantischer Manier klanglich ordentlich dick auf, schrieb seine Musik für grosse Orchester, und das besonders erfolgreich für epische Filme.

   Wie keck und humorvoll seine Ideen jedoch sind, offenbarte diese stark reduzierte Kammerfassung von «The bear» für Klavier (Charl de Villiers), Klarinetten (Christian Ledermann), Violoncello (Avraam Donoukaras) und Perkussion (Mario Von Holten) mit eindrücklicher Verve. Produziert wurde der Einakter von der «Oper im Knopfloch» unter der künstlerischen Leitung von Rosina Zoppi in einer eigens für sie eingerichteten Kammerfassung.

   Die Geschichte dreht sich um die Witwe Popova, die sich nach dem Tod ihres Ehemannes, der sie übrigens nach Strich und Faden betrogen hatte, ganz zurückgezogen hat, um nur noch zu trauern. Ihr Butler Luka (von Andreas Pister rührend gespielt) versucht vergeblich, sie zum Ausgehen zu bewegen. Da taucht Smirnov auf, ein Bauer, bei dem der Verstorbene noch beträchtliche Schulden hatte. Er braucht sein Geld ganz dringend, um die Pacht zu bezahlen, doch sie ziert sich zunächst. Die beiden zanken sich, wollen sich gar duellieren, doch zum Schluss sind sie

ineinander verliebt.

   In der einfachen, aber atmosphärenreichen Bühnendekoration mit Paravent, Sofa und Unterwäsche-Schickimicki (Bühne Simone Baumberger, Kostüme Kathrin Baumberger) spielt Rosina Zoppi als Popova grossartig auf. Sie gibt die Dame von Welt nicht nur mit starker BühnenpraÅNsenz (Regie Matthias Flückiger), sondern singt diese «scheinheilige» Figur auch mit beeindruckendem dramatischem Temperament und virtuoser Stimmführung.

 

Locker ausgespielte Pointen

Der Streit zwischen Popova und dem Bauern Smirnov wird in diesem Stück auch musikalisch als köstliche Zankerei ausgekostet. Michael Raschle gibt einen rauen, ungepflegten Bauern, der sich mit sympathischem Selbstbewusstsein einfach nicht abwimmeln lässt. Im schlagfertigen Dialog mit Popova

wird deren «Scheinheiligkeit» brutal demontiert. Raschle singt die heikle Bariton-Partie stimmgewaltig und doch agil. Dass das alles so leichtfüssig gelang, ist auch das Verdienst der vier Instrumentalisten,

die unter der Leitung von Pianist Charl de Villiers die rhythmisch anspruchsvollen Pointen locker auszuspielen vermochten.

MACBETH

Tanja Holzer © Zürichsee Zeitung 8. November 2010


Die Oper im Knopfloch zeigte am Freitagabend auf der Bühne Fasson in Lachen eine ergreifende Vorstellung nach Shakespeares "Macbeth".


Mit blutverschmierter, weisser Kleidung betritt der siegreiche Held Macbeth (Robert Braunschweig) die Bühne Fasson. Die Schlacht ist gewonnen, die norwegischen Eindringlinge sind vertrieben. Im schummrigen Licht wechseln die Pianoklänge von Andrew Dunscombe vom Dramatischen ins Huldvolle. Im Wald erscheinen Macbeth drei Hexen, die ihm den Thron prophezeien. Den Thron? Nur der Mord an König Ducan (Jean-Pierre Gerber) würde diese Macht ermöglichen. Mutig und stark und doch von Schaudern getrieben, kehrt Macbeth nach Hause zurück zu seiner machtgierigen Frau. Duncan verkündet am Siegesfest, sein zukuünftiger Schwiegersohn Douglas (Pawel Grzegorz Stach) werde Thronfolger. Der König und Freund Ducan nächtigen unter Macbeths Dach, und damit scheint sein Los entschieden zu sein. Lady Macbeth (Rosina Zoppi) wetzt die Messer, mixt den Schlummertrunk und stachelt ihren Mann intensiv an. Königstochter Moina (Stephanie Bühlmann) und Douglas werden in der Nacht von unruhigen Vorahnungen getrieben und geniessen doch den Liebestaumel, während König Macbeth blutigem Machthunger zum Opfer fällt.

Raffiniertes Arrangement

Die Oper im Knopfloch ist es gewohnt, vor meist sehr gut gefüllten Zuschauerrängen zu spielen. Das eher spärlich aufmarschierte Publikum in Lachen zollte der hervorragenden Leistung der Künstler dafür mit unglaublich begeistertem, tosendem Applaus seine Wertschätzung. Die Aufführung war mit nur fünf Darstellern und dem Piano als einzigem Instrument stark komprimiert, was aber den qualitativ hochstehenden Gesang umso mehr betonte. Die Requisiten waren reduziert und untermalten zusammen mit den Kostümen raffiniert die Handlung.

Auf unbekannte Opern spezialisiert

Das Ensemble Die Oper im Knopfloch hat sich spezialisiert, unbekannte Opern auf kleinstem Raum und mit viel Publikumsnähe aufzuführen. Die heroische Oper nach Shakespeare war nicht jene von Giuseppe Verdi in vier Akten, sondern diejenige in drei Akten von André Hippolyte Jean Baptiste Chelard.